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Gedichte und Kurzgeschichten von Lisa Neumann

Vielen, vielen Dank – Kölner Junge Autoren Award

September 18th, 2015

Lisa Neumann

Ich möchte mich recht herzlich bei allen bedanken, die online für meine Kurzgeschichte „Rot“ abgestimmt haben, welche für das Online-Voting des Kölner Junge Autoren Award des Verlages dreizehn/achtzehn nominiert wurde.

Durch eure Unterstützung ist die Geschichte auf einem der ersten drei Plätze gelandet, worüber ich mich sehr freue!

Vielen, vielen Dank!

 

 

 

Fremd sein

Juni 7th, 2015

Lisa Neumann

Beinahe monatlich ertrinken Menschen vor Lampedusa. Europa verspricht Hilfe, doch die Rettungsaktionen bleiben weiterhin spärlich, „Frontex“ ähnelt mehr Grenzpatrouillen anstatt humanitärer Hilfe für Migranten in Seenot. Bürgerkriege, Gewalt, Armut. Die Gründe zur Flucht nehmen zu, die Zahl derer, die kommen, um vor dem Elend zu fliehen, wächst ebenso wie die Anzahl fremdenfeindlicher Taten und Übergriffe. Dominieren Vorurteile unser Denken?

Eine Kurzgeschichte aus gegebenem Anlass:

Wir saßen auf der Mauer in der Sonne, als der Fremde kam und sich mit zwei Metern Abstand zu uns setzte. Wir, das sind Bea, Ole, Sven, Paul und ich. Der Junge wandte den Kopf. Mit seinen braunen Augen sah er zu uns hinüber. Bis heute kann ich nicht sagen, ob in seinem Blick Ablehnung oder Neugierde lag, damals habe ich nicht darauf geachtet, mir erst nach seinem Verschwinden über sein Verhalten Gedanken gemacht. Jedenfalls sah er uns an. Eine Weile musterten wir einander, eine Art stummes Duell, bis ich als erste den Blick abwandte, er ebenfalls woanders hinsah, doch die Anderen starrten ihn weiterhin an, in ihren Augen das Missfallen darüber, dass er aufgetaucht war und sich auf die Mauer gesetzt hatte, ein stummer Vorwurf. „Was will der von uns?“, fragte Ole, wobei er den Jungen, der nun auf den Asphalt blickte, nicht aus den Augen ließ. „Na, was wohl“, antwortete Sven. „Geld natürlich.“ Er spuckte auf den Boden. „Wir haben aber kein Geld. Nichts. Keinen Euro, verstehst du?“ Er fixierte den Jungen, der nun wieder zu uns hinübersah. „Wir haben nichts für dich. Und jetzt verzieh dich.“ Sven wedelte mit der Hand, als ob er eine lästige Fliege verscheuchen wolle, doch der Fremde bewegte sich nicht, sah nur wieder in die andere Richtung und blieb sitzen. Entweder er hatte die Geste nicht verstanden, oder es kümmerte ihn nicht weiter, dass seine Anwesenheit unerwünscht war. Ich betrachtete ihn von der Seite. Er sah nett aus.  Hätte er nicht diesen zu langen Bart gehabt, wäre er ganz attraktiv gewesen. „Mein Bruder hat gesagt, die sollen gefährlich sein“, sagte Bea und zündete sich eine Zigarette an. „Haben zwei seiner Freunde neulich angepöbelt, weil sie ihnen nichts abkaufen wollten.“ „Lass uns mal eine Demo organisieren, dass die bald hier wegkommen“, schlug Sven vor. „Dafür ist es jetzt doch schon längst zu spät“, wandte Bea ein. „Sollen die das Flüchtlingsheim abreißen, nachdem sie es ein Jahr zuvor gebaut haben, oder was?“ Der Qualm ihrer Zigarette drang bis zu mir herüber. Ich rückte ein Stück von ihr ab. „Abreißen nicht. Nur die Leute in ein ärmeres Stadtviertel verlegen“, antwortete Sven. Verlegen. Als handele es sich um Material. Paul nickte zustimmend. Ich schwieg. Ole hielt sich ebenso aus der Diskussion heraus. Erneut drehte der Junge den Kopf. Diesmal lächelte er, als er mich ansah. Seine weißen Zähne strahlten und seine dunkle Haut glänzte im Sonnenlicht. Schnell wandte ich den Blick ab. Die Situation wurde mir mit jeder Sekunde unangenehmer. Nicht wegen seines Lächelns, sondern eher wegen dem Verhalten der Anderen.

„Und wenn er uns versteht?“, fragte ich unvermittelt und sah sie an. „Blödsinn, der versteht uns nicht“, beruhigte mich Sven. „Vermutlich kann er nicht mal drei Worte Deutsch sprechen“, stimmte Paul ihm zu. „Wie heißt du?“, fragte er den Jungen. Dieser schwieg, sah zur Seite und schenkte uns keine Beachtung mehr. „Siehst du“, stellte Paul mit Genugtuung fest. „Der versteht kein Wort.“ Er lachte. „Hat man denen nicht beigebracht da drüben. Da kommen die Leute hierher und können selbst nach Monaten noch nicht einmal unsere Sprache.“ Obwohl mir Pauls Tonfall nicht behagte, beruhigte ich mich ein wenig. Wahrscheinlich kam der Junge wirklich aus dem Flüchtlingsheim am Ende der Straße. Das Haus, über dessen Bau sich die meisten Anwohner monatelang aufgeregt hatten. Nun suchte er den Kontakt zu Gleichaltrigen. Vielleicht war es das erste Mal, dass er das Gebäude alleine verlassen und sich auf die Suche nach anderen Jugendlichen begeben hatte. Ich fragte mich, was er durchgemacht haben musste. War er zusammen mit seiner Familie oder alleine geflohen? Hatte er in einem Boot tausende von Meilen über das Mittelmeer zurückgelegt, bis er völlig entkräftet und halb verhungert an der Küste Italiens gestrandet und schließlich hier, in unserer Straße gelandet war?

„Sag doch auch mal was, Tine.“ Herausfordernd sah Sven mich an. Ich hatte ihrem Gespräch gar nicht mehr zugehört. „Oder hegst du bereits Sympathien für deinen kleinen Freund?“ Ich spürte, wie meine Wangen zu glühen begannen. Ich hasste es, wenn Sven mich zum Erröten brachte. „Was soll ich denn sagen?“, antwortete ich schulterzuckend. „Deine Meinung.“ Also sagte ich sie ihm: „Wer weiß, was diese Leute durchgemacht haben, wovor sie geflohen sind. Und dann kommt jemand wie du und verlangt, dass sie umgesiedelt werden, nur, weil sie deiner Ansicht nach nicht ins Stadtbild passen.“ Sprachlos starrte er mich an. Ich starrte zurück. Diesmal würde ich den Blick nicht abwenden, diesmal nicht. Ich würde gewinnen, ich würde…

Innerhalb weniger Sekunden wechselte sein Gesichtsausdruck von Erstaunen zu Belustigung. „Du bist noch zu jung und naiv, um das zu begreifen. Hast du irgendeine Ahnung was abläuft in Häusern wie diesem?“, fragte er mich und sah die Straße hinab. „Alles, was diese Leute tun, ist mit Drogen zu dealen und die Kriminalitätsrate zu erhöhen. Und wieso? Weil sie unzufrieden sind mit ihrem neuen Leben, weil sich ihre Hoffnung auf eine wunderbare Zukunft als Illusion herausgestellt hat.“

Jung und naiv. Seine Worte hatten mich verletzt, aber ich ließ es mir nicht anmerken. „Und Leute wie du tragen besonders zu einer Verbesserung ihrer Lage bei“, erwiderte ich. Er sah mich an. Am liebsten hätte ich ihm das Lächeln, das ich vor wenigen Monaten noch geliebt hatte, aus dem Gesicht geschlagen. „Du hast nicht die leiseste Ahnung, wovon du sprichst.“ „Klugscheißer. Du wolltest meine Meinung hören, jetzt musst du sie auch respektieren.“ Als Zeichen des Protests distanzierte ich mich so weit von ihnen, bis ich in der Mitte der Mauer saß. Der Junge lächelte mich an. Ich lächelte zurück. Stumm sahen wir einander in die Augen, bis er den Blick abwandte und zu Boden sah.                                                                                                                                                                                                                         „Wie heißt du?“, fragte ich ihn. Keine Antwort. „Ich bin Tina.“ Ich streckte ihm die Hand entgegen. Er ergriff sie, drückte sie kurz und lachte. Schon bei diesem Lachanfall hätte ich etwas ahnen können, doch ich dachte mir nichts dabei, vermutete, dass er diese Geste des Händeschüttelns einfach nur merkwürdig fand. Die anderen waren mittlerweile verstummt. Ich spürte ihre Blicke in meinem Rücken.

„Der versteht dich sowieso nicht“, sagte Sven, doch ich ging nicht auf seine Bemerkung ein und wiederholte langsam meinen Satz: „Ich bin Tina“, sagte ich erneut und zeigte mit dem Finger auf mich. „Wie heißt du?“ Der Junge lächelte, blieb aber still. ”I am Tina“, versuchte ich es auf Englisch. “What´s your name ?“ Keine Antwort. « Je m´appelle Tina. Tu t´appelles comment ? » Er schwieg. Lächelte nur, bis er erneut zu lachen begann.

Sven sprang von der Mauer herunter und näherte sich uns. Das Lachen des Jungen wurde lauter. Obwohl er mich dabei ansah, hatte ich nicht das Gefühl, dass er mich auslachte. Zögerlich stimmte ich in sein Lachen mit ein. Da lachte er noch mehr. Tränen traten ihm in die Augen. Sven hatte uns erreicht und baute sich vor uns auf. Obwohl wir auf der Mauer saßen, überragte er den Jungen und mich jeweils um Kopflänge. Wir sahen ihn an und lachten. Da wurde Sven aggressiv. Weder zu der Zeit, in der wir ein Paar gewesen waren, noch später, habe ich ihn jemals wieder so wütend erlebt. Er holte aus und schlug dem Jungen mit der Faust ins Gesicht, traf sein rechtes Auge.

Das Lachen war mit einem Mal ausgestorben. Die Schläfe des Jungen begann zu bluten, ein dunkler Fleck auf seiner Haut. Wie ein Straftäter riss er die Hände hoch. Ich sprang von der Mauer und stellte mich vor ihn. Sven ergriff meinen Arm und wollte mich fortreißen, doch ich trat ihm vor’s Schienbein. „Lauf!“, rief ich dem Jungen zu, doch er war bereits von der Mauer gesprungen und in einigen Metern Sicherheitsabstand vor uns stehen geblieben. Erneut wollte Sven auf ihn losgehen, doch ich hielt ihn zurück. „Er hat dir nichts getan.“ Einen Moment sah er auf mich herab. In seinen Augen funkelte Zorn. Ich starrte zurück, voller Anspannung den Schlag erwartend, der jedoch ausblieb. „Niemand lacht mich aus“, sagte er. „Niemand.“ Ich ergriff seine Hand. „Notfalls muss ich ihn küssen“, dachte ich. Allein der Gedanke widerte mich an. Ich sah zu dem Jungen hinüber. Er stand dort wie versteinert. „Lauf!“, formte ich mit den Lippen, doch er rührte sich nicht, starrte mich an, wartete, bis Sven sich ihm ebenfalls zugewandt hatte, bevor er zu sprechen begann. „Nirgendwo will man uns“, sagte er, sah mir ein letztes Mal, ohne zu lächeln in die Augen, drehte sich um und ging. Ich blickte ihm nach, bis er verschwunden war. Seitdem habe ich ihn nicht mehr gesehen.

 

 

Online, offline

Juni 7th, 2015

Lisa Neumann

Online, offline.

Meine Seele,                                                                                                                                                                                              die Nachtschwärmerin.

Diagnose meines Smartphones:                                                                                                                                                            permanente Reizüberflutung.

Nachgelesen unter: wikipedia.de

 

Die Vernetzten stehen                                                                                                                                                                        kabellos beisammen,                                                                                                                                                                                gemeinsam getrennt.

Stets erwartet Jemand                                                                                                                                                                              eine Antwort                                                                                                                                                                                                 von dir.

Jugendheim

Juni 7th, 2015

Lisa Neumann

Ikonen,

ausgestanzt an der Wand hängend.

Träume,

von verblassten Sammelbildern kopiert.

Dein Haupt nass vom Regen,

doch sie lächeln herab,

als sei jeder Morgen

Beginn einer neuen Existenz.

Jugend

Februar 25th, 2015

Lisa Neumann

Paradies der Kindheit schlummert im Garten der Jugend,

Schleier des Vergessens verbirgt Wunden der Zeit,

steinernes Bildnis einer Statue der Tugend,

Vernunft überschattet des Heranwachsens Leid.

 

Schlaff hängen die Flügel am Körper herunter,

noch wird kein Gebrauch von ihnen gemacht,

denn der Vogel ward noch nicht munter,

noch ruht der Aufbruch in zukünftiger Nacht.

 

Ach, könnte ich bloß ein wenig verweilen,

die Sorgen abschütteln wie einst zuvor,

um nicht zu schnell von dannen zu eilen,

fort durch das mächtige Freiheitstor.

 

Den Garten verlassen und heimwärts wieder,

die Ungewissheit besiegen und zurückkommen bald,

Erinnerung im Herzen ein trostloser Krieger,

kein Zaun, keine Schranke, gebietet mir Halt.

 

Passendes Zitat: „Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel.“ (Johann Wolfgang von Goethe)

„Ich bin das Mädchen mit den zwei Gesichtern.“

Januar 29th, 2015

Lisa Neumann

Ich bin das Mädchen mit den zwei Gesichtern. Für Andere. Eigentlich sollte dieser Satz lauten: Für Andere bin ich das Mädchen mit den zwei Gesichtern. Dabei hab ich doch nur eins. Ich gehöre nie zu diesen, noch zu jenen. Weil dein Vater ein Nigger ist, sagen die einen. Weil deine Mutter eine Weiße ist, die andern. Zu weiß für die Schwarzen und zu schwarz für die Weißen.

Wir hatten einmal einen Hundewelpen. Er hieß Duffy. Duffy hatte weißes Fell mit braunen Flecken. Duffy war ein Mischling. So wie ich. Vielleicht haben uns deshalb so gut verstanden. Ich mochte Duffy. Ich glaube er mochte mich auch. Bis er von unserem Nachbarn erschossen wurde, weil er auf dessen Grundstück gelaufen war. Mum sagt, der alte Miller hatte sowieso einen Schaden. Der hat Dad auch immer beschimpft. Die anderen Leute haben ihn immer nur schräg von der Seite angesehen. Aber Mister Miller hat ihn beschimpft. „Negro, Negro.“, hat er ihm immer hinterhergebrüllt. Dad hat das stets ignoriert. Ich glaube er war gut darin, Dinge zu ignorieren. Einmal hat er „Redneck, Redneck.“, zurückgerufen. Ich erinnere mich noch gut an Mister Millers’ Blick. Er zog die Augenbrauen zusammen, was ihn immer wie einen wütenden Terrier aussehen ließ. Wir sind am Zaun vorbeigelaufen und Dad hat meine Hand genommen. Seine Hand war rau und warm, sein Griff sicher. Das ist neben seinem Lachen und seinem Gesicht das Einzige, was ich noch von ihm weiß. Vielleicht hätte Mr. Miller auf ihn geschossen, wäre ich nicht dabei gewesen. Kann ich nicht sagen.

Mum hat ein Foto von Dad an die Wohnzimmerwand gehangen. In einem braunen Holzrahmen mit goldener Umrandung, den sie auf dem Dachboden gefunden hat. Ich glaube, er hätte den Rahmen nicht gemocht, ihn kitschig gefunden. Vielleicht hätte er sich mit Mum sogar darüber gestritten. Gestritten hatten sie sich in der letzten Zeit oft. Sie dachten immer, ich kriegte es nicht mit, aber ich hab´s natürlich mitbekommen. Manchmal wurde Mum laut und schrie herum. Dann hat Dad geweint. Ziemlich leise und erst, wenn sie nicht mehr in der Küche war, aber in der Stille der Wohnung hab ich es trotzdem immer gehört. Ich wäre gern zu ihm in die Küche gegangen. Vielleicht hätte er mich auf den Schoß genommen und mir eine Geschichte erzählt. Von Drachen und Rittern oder so etwas. Er war stets ein großer Geschichtenerzähler. Doch ich hatte Angst, dass Mum hereinkäme und mich erwischen würde. Also bin ich in meinem Zimmer geblieben. Mum sagt, bald packen wir die Koffer und ziehen aus. Weg von hier. Eigentlich will ich das nicht. Sie sagt, es gäbe hier zu viel, das sie an ihn erinnern würde. Ich will erinnert werden.  Sie anscheinend nicht. Dabei hebt sie jeden seiner alten Briefe und seine Postkarten auf.

Mum verflucht die Polizei und schimpft auf die Nachbarn. Ich glaube, mittlerweile hat sie Angst vor ihnen. Dabei besteht unsere Nachbarschaft nicht nur aus Mister Millers. Freundlich sind die Leute dennoch nicht, das muss ich zugeben. Mrs. Granger, zum Beispiel, die immer über den Zaun schielt, als wolle sie uns ausspionieren. Oder Mr. Hendriks, der uns die Milchflaschen jeden Morgen wortlos vor die Tür stellt. Mum grüßt Mr. Kilney gar nicht mehr, wenn sie ihm auf der Straße begegnet. Dabei waren sie damals beide auf derselben High School. Hat er mir erzählt, als ich noch klein war. Ich glaube, ich war zu dem Zeitpunkt sechs Jahre alt. „Deine Mum war ein schönes Mädchen. Alle wollten immer mit ihr zum prom gehen.“, sagte er. So einen komischen Blick hatte er dabei. Als wäre sie heute nicht mehr schön.

Mum sagt, Dad hätte den Police officer vermutlich provoziert, aber das glaub ich nicht. Wieso grüßt sie Mr. Kilney dann nicht mehr auf der Straße, wenn er ihr „Hallo“ sagt? Vielleicht hat Dad nur „Rednecks, rednecks.“ gerufen und sie haben ihn deshalb erschossen.

Toleranz? – Ein aktueller Kommentar zu Charlie Hebdo und Pegida

Januar 29th, 2015

Lisa Neumann

Wir reden von Immigration, von Gleichstellung der Religionen, von Menschen mit Migrationshintergrund. Zugleich ziehen abends Pegida-Demonstranten durch die Straßen Dresdens und anderer deutscher Großstädte. Sie sprechen von der „Islamisierung des Abendlandes“, schwenken schwarz-rot-goldene Fahnen mit fremdenfeindlichen Parolen, wollen das Christentum verstärken, in einem Land, in dem die meisten Kirchenmitglieder höchstens an Weihnachten und Ostern den Gottesdienst besuchen, in dem die immer egoistischer werdende Gesellschaft nach Gewinn strebt, Wirtschaftswachstum und Besitzstandswahrung, während die wahren christlichen Werte wie das Gebot der Nächstenliebe immer mehr in den Hintergrund treten.

Historisch betrachtet ist Deutschland durchaus christlich geprägt, doch eine Religion sollte, auch wenn sie in einem Land historische Wurzeln besitzt, keinen Anspruch auf Exklusivität erheben und sich über Glaubenssymbole anderer Religionen in einer entwürdigenden Art und Weise lustig machen. Doch genau dies geschah leider bei Charlie Hebdo. Den Propheten Mohammed nackt dazustellen und den Koran als „Merde“ (Scheiße) zu bezeichnen, ist sowohl überzogen, als auch gerade wegen der Lage in Frankreich, in dem die meisten Migranten oftmals perspektivlos in den Vororten großer Städte wohnen und durchaus keine wahre Chancengleichheit besitzen, ein nicht angebrachter Spott gegenüber Andersgläubigen. Doch Meinungsfreiheit bleibt Meinungsfreiheit, auch wenn sie manchmal die Grenzen zwischen Kritik und der Diskriminierung Anderer leicht überschreiten kann. Selbstverständlich fühle ich mit den Opfern des Anschlags auf das Karikaturenmagazin. Aber ich bin nicht Charlie Hebdo!

Die weit verbreitete „Islamphobie“ , ein ähnlicher Aberglaube wie der Dschihadismus, macht sich leider auch in Deutschland bemerkbar. Wenn Pegida sich auf das Christentum bezieht, so ist dies keine wahre Religiosität, sondern lediglich ein peinlicher Ausdruck der Intoleranz gegenüber anderen Religionen und Kulturkreisen. „Die Muslime sind willkommen, aber der Islam gehört nicht zu Deutschland.“ ist nicht nur ein Widerspruch in sich, sondern auch mit Abstand einer der dümmlichsten Sätze, den die aktuelle Politik zutage befördert hat.

Will Deutschland wirklich als christlich geprägtes Land gelten, so müssen von der Bevölkerung auch christliche Werte vertreten werden. Dazu gehört insbesonders die Toleranz und Offenheit gegenüber Andersgläubigen, ohne sie gedanklich, den Vorurteilen entsprechend, gleich in die Kategorie der „potenziellen, terroristischen Gewalttäter“ einzuordnen. Niemals kann Religiosität lediglich einseitig in einer Gesellschaft vorhanden sein, es wird immer verschiedene Glaubensauffassungen geben, genauso wie es immer Menschen unterschiedlicher Herkunft geben wird. Zwischen christlichen Wurzeln und vorgelebtem Christentum sollte differenziert werden, denn eine Gesellschaft, in der Pegida-Demonstranten allabendlich die Straßen bevölkern und ein Europa, in dem Karikaturen öffentlich Muslime verhöhnen, Flüchtlinge zugleich massenweise vor der italienischen Küste ertrinken, können meines Erachtens nicht als christlich gelten.

Die Insel

November 27th, 2014

Lisa Neumann

Ein Mann lebte auf einer Insel im Pazifik. Er brauchte nicht viel, um ein glückliches Leben zu führen. Eine Holzhütte als Behausung, Kokosnüsse, deren reichhaltigen Saft er trinken konnte, eine Süßwasserquelle mit einem Wasserfall und eine Feuerstelle, an welcher er die erjagte Beute zubereiten und verspeisen konnte. Nachts legte er sich auf die Matte aus Palmwedeln in seiner Hütte und lauschte dem Meeresrauschen. In lauen Sommernächten schlief er im Freien, hörte die Geräusche der Insel und sah in den Sternenhimmel hinauf. Sein Tagesablauf bestand aus kontinuierlicher Alltäglichkeit, ein gleichbleibender Rhythmus, der nur durch den Einbruch der Nacht bestimmt wurde. Aufstehen, essen, zum Wasserfall laufen, baden, jagen, kochen, essen, ausruhen, ein Spaziergang um die kleine Insel, die Dämmerung genießen, essen, schlafen. Drei Mahlzeiten am Tag und ein Dach über dem Kopf. Mehr brauchte er nicht. Manchmal, in schlaflosen Nächten, dachte er über seine Ankunft auf der Insel nach. Es störte ihn nicht, dass er nicht wusste, wie er einst hierhergekommen war. Seine gesamte Herkunft war ihm ebenso ein Rätsel wie die Frage, ob es meilenweit entfernt und inmitten des Meeres andere Inseln mit ähnlichen Lebewesen wie ihm gab. Er vermisste niemanden. Er hatte auch nie jemanden gekannt, der ihm irgendwie ähnlich gesehen hätte. Er war an die Einsamkeit ebenso gewöhnt, wie er an den Tagesablauf gewöhnt war.

Eines Tages, in der Nacht hatte er wieder einmal über die Form seiner Existenz nachgedacht, beschloss er, sich ein Floß zu bauen. Er suchte sich einen fußgroßen Stein und schlug ihn gegen den Felsen. Sieben Nächte vergingen, bis an dem Äußeren des Steines eine scharfe Kante entstanden war. Am neunten Tag ging er in den Wald und kletterte auf mehrere Bäume, von denen er mithilfe des Steines einige mittelgroße Äste abtrennte. Die Arbeit war beschwerlich und er musste viermal  zum Schlafen in seine Hütte zurückkehren, bevor er genügend Äste beisammen hatte, um aus ihnen ein Floß zu bauen. In der darauffolgenden Nacht wütete ein schreckliches Unwetter über der Insel. Der Wind riss an seiner Hütte, Welle brachen über der Küste herein wie riesige Ungeheuer. Er floh in den Wald hinein und versteckte sich in einer der unterirdischen Höhlen, von der er hoffte, dass sie nicht einstürzen würde. Als er am nächsten Morgen unter einer grauen Wolkendecke den Wald betrat, war die Insel verwüstet. Eingestürzte Bäume versperrten ihm den Weg und es dauerte lange, bis er die Küste erreicht hatte. Seine Hütte war von den Wellen fortgeschwemmt worden. Einsam stand er am Strand und sah hinaus auf das Meer, das wie ein friedlicher Riese schlummernd vor ihm lag. Er wagte es nicht, mit den Füßen in die Brandung zu laufen. Es dämmerte bereits, als er noch immer am Strand saß und in die Ferne blickte. Golden tanzten die Strahlen der untergehenden Sonne auf den Wellenkämmen. Es kümmerte ihn nicht mehr, was hinter der Weite des Horizonts verborgen lag. Das Meer erschien ihm zu gefährlich, als dass er die Heimat verlassen und es bezwingen könnte.

 

Dialog in der Küche

November 27th, 2014

Lisa Neumann

Er stand vor dem Küchenfenster der kleinen Mietwohnung, welches er zum Lüften geöffnet hatte und schnitt die Avocado auf dem Küchenbrett in exakt gleich große Teile, bevor er sie in die Pfanne gab. Regungslos verharrte er für eine Weile vor der Scheibe, in den vor ihm liegenden Abgrund schauend, wobei er die Autokolonne beobachtete, deren einzelne Fahrzeuge wie kleine Käfer über die Straße krochen, die Insassen unter dem metallenen Panzer sicher vor seinem Blick verborgen. Wenn er doch nur die Zeit zurückdrehen und wie früher jeden Morgen ins Büro fahren könnte, dachte er. Er befreite sich jedoch schnell aus seinen abtrünnigen Gedanken, bevor es diesen gelingen konnte, ihn endgültig in eine mentale Krise zu ziehen. Als ihm bewusst wurde, wie fest er das Messer in seiner geschlossenen Faust umklammert hielt, erschrak er vor sich selbst. Seit er arbeitslos war, widmete er sich dem Kochen und Sauberhalten der Wohnung, ein wie er fand entwürdigender Ersatz für berufliche Tätigkeiten. Während sein Anzug im Schrank langsam den Geruch der Mottenkugeln annahm, trug er eine blau-weiß karierte Schürze, die er sich am liebsten bereits nach wenigen Sekunden vom Hals gerissen hätte. Tagein, tagaus hockte er in der Wohnung und studierte Stellenanzeigen, gefangen wie in einem Kaninchenkäfig. Das Gefühl, finanziell vollständig von ihr abhängig zu sein, behagte ihm nicht und innerlich sträubte er sich immer noch gegen diese Einsicht, doch mit der Zeit schien es, als hätte er sich allmählich daran gewöhnt und er hinterfragte sein schlechtes Gewissen nicht mehr.

Es klingelte. Schnell wusch er sich die Hände unter der Spüle, wischte sie eilig an der Schürze ab und ging zügigen Schrittes durch den Flur zur Tür. „Hallo Schatz“, er küsste sie auf beide Wangen und nahm ihr die prall gefüllten Einkaufstüten ab, um sie in die Wohnung zu tragen. Anfangs hatte sie ihn noch stets davon abgehalten, doch mittlerweile hatte sie sich schon daran gewöhnt. Er jedoch konnte nicht verhindern, dass eine verbitterte Resignation in ihm aufstieg, als er die Lebensmittel nach und nach im Kühlschrank platzierte. „Wie war dein Tag?“, drang ihre Stimme durch die angelehnte Küchentür zu ihm hinüber, wobei er erneut realisierte, wie sehr er es hasste, ihr auf diese banale Frage ehelichen Smalltalks überhaupt eine Antwort geben zu müssen. „Wie immer.“ Was erwartet sie denn? Ich putze das Klo, sauge den Teppich und schneide Gemüse in gleichgroße Teile, während du arbeiten gehst und deinen Kunden dabei hilfst, ihr Leben neu zu ordnen, obwohl das deines Mannes wie ein Trümmerhaufen vor dir liegt.

„Das Risotto schmeckt wirklich köstlich“, sagte sie auf ihren Teller schauend. Erstaunt sah er sie an. Das letzte Mal, dass sie seine Kochkünste gelobt hatte, gehörte bereits seit Langem der Vergangenheit an. Irgendetwas stimmte nicht mit ihr. Er merkte es an der Art und Weise, wie sie ihre Blicke nervös durch den Raum wandern ließ, ihn noch nicht einmal ansah, wenn sie mit ihm sprach. „Danke“, antwortete er kauend. Doch als sie endlich von ihrem Teller aufschaute und ihn direkt ansah, besaß ihr Blick eine solch dringliche Intensität, dass ihm wider Willen ein kurzer Schauer den Rücken hinunterlief. Sogar die Gabel hatte sie auf der Serviette niedergelegt. Es musste dringlich sein.

 Ruhig bleiben und Fassung bewahren, ermahnte sie sich, in der Hoffnung, es möge ihr gelingen die Fassade, welche seit geraumer Zeit wie eine Trennwand zwischen ihnen stand, weiterhin aufrecht zu erhalten. Das schlechte Gewissen übermannte sie, drohte sie jederzeit zu erdrücken und sie hielt es kaum aus, ihm noch länger in die Augen sehen zu müssen. Sein fragender, nichtsahnender Blick war die pure Folter. „Seit ein paar Wochen“, sie bemühte sich, die Worte über die Lippen zu bringen, „verspüre ich ein komisches Ziehen in der Magengegend. Vor wenigen Tagen musste ich mich morgens, als du noch geschlafen hast, sogar übergeben, woraufhin ich kurzerhand einen Vorsorgetermin beim Frauenarzt vereinbarte.“ Sie hielt seinem Blick stand, zwang sich, ihn anzusehen, während der letzte Satz des kurzen Monologs in der angespannten Stille zwischen ihnen verhallte: „Ich bin schwanger.“

Sprachlos starrte er sie an, bevor er den Blick abwandte. Schwanger, schwanger, schwanger, hallte das Wort in seinen Gedanken nach und er wartete darauf, dass das Echo allmählich verebbte, doch nichts dergleichen geschah. Stattdessen fixierte er die im spätsommerlichen Sonnenlicht silbern glänzende Klinge des Messers. Er hatte ihr nie gestanden, dass er zeugungsunfähig war.

 

 

Worldwide Web

September 26th, 2014

Lisa Neumann

Amputier dir die Finger,
zehn Stück an der Zahl.
Ungelenke Zehen erschufen
einen viereckigen Abdruck
auf deiner Nase.

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