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Spinnenbeine

Juli 9th, 2014

LN

Wir verschlingen den Individualismus, doch verschlucken uns an der Eigenart.

 

Die Tür knarrte. Erschrocken erstarrte er in der Bewegung, die Hände am Reißverschluss seiner Jeans. Er hörte zwei Stimmen durch den Toilettenvorraum hallen, ihre sich nähernden Schritte. „Der ist echt merkwürdig. Hast du mal auf seine Beine geschaut? Wie zwei Stelzen.“ Die Stimme klang tief und ein wenig rau. Hörte sich ganz nach Nils an. „Er erinnert mich irgendwie an eine Spinne.“, antwortete ihm Mirko, dessen Stimme er sofort erkannte.

Kein Wunder, schließlich war Mirko der Einzige in der Klasse, der sich noch mitten im Stimmbruch befand. „An eine Spinne?“ Nils lachte. Mittlerweile waren sie der Tür zu seiner Kabine gefährlich nahe gekommen. „Weiß auch nicht wieso. Vielleicht wegen den enorm langen Beinen.“ Einen Moment herrschte Stille. Aus Angst entdeckt zu werden, rührte er sich keinen Millimeter von der Stelle. Fast gleichzeitig erklang das Geräusch zweier sich öffnender Reißverschlüsse, gefolgt von leisem Rauschen der beiden Fontänen, eines länger als das Andere. Nervös leckte er sich über die Lippen. Seine Zunge fühlte sich rau an. Eine ausgetrocknete Wüste inmitten seines Mundes. Er versuchte sich einzureden, dass er sich in Sicherheit befände, dass sie unmöglich über die Trennwände der Toilette zu ihm in die Kabine klettern konnten. „Verstehe echt nicht, wie man seinen Körper so abmagern lassen kann.“, sagte Nils. „Vielleicht findet er es schön.“, entgegnete Mirko. „Glaub ich nicht. Magersucht ist einfach nur ein Zwang. Genauso wie Esssucht.

Aber da kann ich Menschen, die wirklich fett sind noch eher verstehen, als welche, die sich bis auf die Rippen abmagern lassen.“ Er zuckte zusammen und ballte die Hände zu Fäusten, bis sich die Fingernägel in seine schweißnassen Handflächen gruben. Doch selbst dem Schmerz gelang es nicht, die Angst zu betäuben. Angespannt lauschte er dem Geräusch der sich schließenden Reißverschlüsse. Was für ein einfacher Mechanismus, dachte er. Einfach und trotzdem praktisch. „Glaubst du, er ist schwul?“, hörte er Mirko fragen. Erneut näherten sich Schritte seiner Tür. Um nicht schreien zu müssen, biss er sich auf die Zunge. Der metallene Geschmack des Blutes beruhigte ihn ein wenig. Ob sie ihn nun holen kämen? „Weiß nicht.“, antwortete Nils. „Vielleicht ist er asexuell.“ Seine Knie begannen zu zittern. Die Schritte verstummten abrupt. Anscheinend waren sie vor seiner Tür stehen geblieben. „Ich glaub, uns hat jemand belauscht.“, stellte Mirko fest. Kurze Stille, dann begann einer von ihnen an der Klinke zu rütteln. Die ganze Tür wackelte. Gleich brechen sie sie auf, dachte er und bekam Schweißausbrüche. „Ergebe dich und offenbare dein Angesicht, fremder Spion.“, schrie Nils und lachte. Ein Lachen, dass ihm durch Mark und Bein ging. Mittlerweile spürte er die Stellen nicht mehr, an welchen er die Finger ins Fleisch gegraben hatte. Seine Mutter würde, wenn sie am Abend seine Hände kontrollierte, wieder wegen neuer Narben schimpfen können. „Zeige dich, Fremdling!“, schrie Nils noch einmal, wobei er wie wild an der Tür rüttelte. Er schloss die Augen. In der Dunkelheit hinter seinen Lidern schwoll die Panik an, also öffnete er sie wieder. „Du hast echt zu viele Fantasyromane gelesen.“, lachte Mirko. Er könnte die Tür aufschließen, sich zeigen und schnell hinausrennen, dachte er, besaß jedoch keineswegs den Mut dazu. Als eine bessere Option erschien ihm die Aussicht, sich solange zu verbarrikadieren und abzuwarten, bis sie die Geduld verlören und die Belagerung aufgeben würden. Doch sie gingen nicht. Vermutlich hatten sie es sich zum Ziel gesetzt, solange die Tür zu bewachen, bis er hinauskam. Einer von ihnen begann zu pfeifen. Voller Hohn drang die fremde Melodie an seine Ohren. Er begann die Sekunden zu zählen, doch das langsame Vergehen der Zeit ließ ihn nur noch nervöser werden. Schwer wie Blei lag die Anspannung auf seinen Schultern. Er saß in der Falle. Mittlerweile spürte er den Schmerz in den Handflächen nicht mehr. Er versuchte, seinen Atem zu regulieren, die Luft wenige Sekunden anzuhalten, bevor er sie aus seinem Körper hinausströmen ließ und neuen Sauerstoff aufnahm. Konnten sie ihn atmen hören? Er hielt die Luft an, sammelte all seine Konzentration, um einen klaren Gedanken zu fassen. Natürlich, dachte er, und verfluchte die von der Angst hervorgerufene Gedankenblockade. Früher oder später würden sie unter der Tür nachschauen und seine Schuhe erkennen. Langsam drehte er sich um. Mittlerweile schaffte er es, die Bewegungen seines Körpers so zu koordinieren, dass er kaum ein Geräusch erzeugte. Er klappte den Klodeckel hinunter, stützte sich mit beiden Händen leicht auf dem Spülkasten ab und stieg mit dem rechten Bein zuerst auf die Toilette. Das Pfeifen seiner Bewacher wurde eingestellt. Ein, zwei Schritte schlurften über den Boden. Dann blieben die Füße direkt vor der Tür stehen. Jetzt, dachte er und starrte voller Angst an die Decke. Hoffentlich würde derjenige nur auf den Boden schauen und seinen Blick nicht das Wasserklosett  hinauf wandern lassen. Stille. „Und, siehst du was?“, hörte er Nils. „Nö. Hier ist niemand. Vielleicht hat sich jemand einen Scherz erlaubt, die Kabinentür abgeschlossen und ist dann über eine der Trennwände oder unter der Tür hinausgeklettert.“, antwortete Mirko. „Lass uns gehen. Unnütz, die Pause damit zu vergeuden. Hast du die Reichert noch mal wiedergetroffen?“ Stille. Vermutlich schüttelte Nils den Kopf oder er nickte. „Ziemlich scharfe Braut.“, stellte Mirko fest. „Hab gehört, die soll…“ Mit einem lauten Krachen schlug die Tür hinter ihnen zu. Erleichtert atmete er aus. Eine Weile verharrte er regungslos, starrte den Spruch an der Wand an, den er selbst vor einigen Monaten mit schwarzem Edding dort hinterlassen hatte: Sie verschlingen den Individualismus, doch verschlucken sich an der Eigenart. Darunter hatte jemand in rot „Alter, was willst du???“ gekritzelt.
Langsam erhob er sich. Seine Beine waren nun ebenso taub wie seine Handflächen. Er hatte sich zu lange in der Hocke befunden. Er hielt inne und lauschte, bevor er die Kabinentür aufschloss. Eines der Fenster in den Toilettenräumen war gekippt. Von draußen drangen Gelächter und Stimmen an sein Ohr, Geräusche aus einer anderen Welt. Während er zum Waschbecken ging, stellte er sich vor, seine Beine wären so leicht, dass man seine Schritte nicht mehr hören würde. Er sah nicht in den Spiegel, aus Angst vor der Erinnerung, die sich in seinem Gesicht abzeichnen könnte. Ein Überbleibsel in seinem Gedächtnis, welches selbst nach all den Monaten, seitdem er die alte Schule verlassen hatte, in Momenten wie diesen die Oberfläche durchbrach und präsent war wie nie zuvor. Er hatte ihr Vorhaben gekannt, noch bevor sie ihn dazu aufgefordert hatten. Widerstandslos hatte er der Klinge in seinem Rücken gehorcht, hatte sich niedergekniet und den Kopf in die Kloschüssel gesteckt.

Für einen Moment schloss er die Augen, flüchtete in die Dunkelheit hinter seinen Lidern. Das Gefühl, keine Luft zu bekommen, verschlimmerte sich. Seine Atmung setzte aus, er schnappte nach Sauerstoff wie ein Fisch an Land, stützte sich auf dem Rand des Waschbeckens ab und zählte die Sekunden. Luft anhalten. Eins, zwei. Ausatmen. Eins, zwei, drei. Einatmen. Zehn Vorgänge und er hatte die Kontrolle über seine Lunge wiedererlangt. Er wartete, bis er den Rhythmus seiner Atemzüge für stabilisiert hielt und schlug die Augen auf. Grell fiel das Neonlicht auf ihn herab. Sein Gesicht war fahl, er starrte sich entgegen. Das kalte Wasser brannte ein wenig auf seinen Handflächen, als er sich die Hände wusch. Lediglich die Rundungen seiner Fingernägel waren als sichtbare Kennzeichen auf seiner Haut hinterblieben. Er vergrub die Hände in den Hosentaschen, als er den Flur betrat. Sein Magen rumorte. Wie das Knurren eines Tieres, dachte er. Es war nicht das erste Mal, dass er zu spät zum Unterricht kam.

 

Lisa Neumann Q2

Vergänglichkeit

Juli 9th, 2014

LN

Unsere Schatten lang,
unsere Wege kurz
wir erstarren im Moment
und ersticken im Nichts.

Unsere Worte leer,
die Straße lebt,
wir verharren in der Sekunde
während alles sich bewegt.

Unsere Füße aus Blei,
unsere Zungen tot,
essen der Hektik Brot
und hassen die Vergänglichkeit.

Unser Leben besteht aus fortwährender  Bewegung. Lediglich Momentaufnahmen bleiben bestehen, verbleiben als Erinnerungen wie Falten alternder Haut in unserem Gedächtnis. Abzeichen all jener Momente, die unser Wesen geprägt haben. Schwarzweißbilder, die mit dem Vergehen der Zeit verblassen.