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Die Insel

November 27th, 2014

LN

Ein Mann lebte auf einer Insel im Pazifik. Er brauchte nicht viel, um ein glückliches Leben zu führen. Eine Holzhütte als Behausung, Kokosnüsse, deren reichhaltigen Saft er trinken konnte, eine Süßwasserquelle mit einem Wasserfall und eine Feuerstelle, an welcher er die erjagte Beute zubereiten und verspeisen konnte. Nachts legte er sich auf die Matte aus Palmwedeln in seiner Hütte und lauschte dem Meeresrauschen. In lauen Sommernächten schlief er im Freien, hörte die Geräusche der Insel und sah in den Sternenhimmel hinauf. Sein Tagesablauf bestand aus kontinuierlicher Alltäglichkeit, ein gleichbleibender Rhythmus, der nur durch den Einbruch der Nacht bestimmt wurde. Aufstehen, essen, zum Wasserfall laufen, baden, jagen, kochen, essen, ausruhen, ein Spaziergang um die kleine Insel, die Dämmerung genießen, essen, schlafen. Drei Mahlzeiten am Tag und ein Dach über dem Kopf. Mehr brauchte er nicht. Manchmal, in schlaflosen Nächten, dachte er über seine Ankunft auf der Insel nach. Es störte ihn nicht, dass er nicht wusste, wie er einst hierhergekommen war. Seine gesamte Herkunft war ihm ebenso ein Rätsel wie die Frage, ob es meilenweit entfernt und inmitten des Meeres andere Inseln mit ähnlichen Lebewesen wie ihm gab. Er vermisste niemanden. Er hatte auch nie jemanden gekannt, der ihm irgendwie ähnlich gesehen hätte. Er war an die Einsamkeit ebenso gewöhnt, wie er an den Tagesablauf gewöhnt war.

Eines Tages, in der Nacht hatte er wieder einmal über die Form seiner Existenz nachgedacht, beschloss er, sich ein Floß zu bauen. Er suchte sich einen fußgroßen Stein und schlug ihn gegen den Felsen. Sieben Nächte vergingen, bis an dem Äußeren des Steines eine scharfe Kante entstanden war. Am neunten Tag ging er in den Wald und kletterte auf mehrere Bäume, von denen er mithilfe des Steines einige mittelgroße Äste abtrennte. Die Arbeit war beschwerlich und er musste viermal  zum Schlafen in seine Hütte zurückkehren, bevor er genügend Äste beisammen hatte, um aus ihnen ein Floß zu bauen. In der darauffolgenden Nacht wütete ein schreckliches Unwetter über der Insel. Der Wind riss an seiner Hütte, Welle brachen über der Küste herein wie riesige Ungeheuer. Er floh in den Wald hinein und versteckte sich in einer der unterirdischen Höhlen, von der er hoffte, dass sie nicht einstürzen würde. Als er am nächsten Morgen unter einer grauen Wolkendecke den Wald betrat, war die Insel verwüstet. Eingestürzte Bäume versperrten ihm den Weg und es dauerte lange, bis er die Küste erreicht hatte. Seine Hütte war von den Wellen fortgeschwemmt worden. Einsam stand er am Strand und sah hinaus auf das Meer, das wie ein friedlicher Riese schlummernd vor ihm lag. Er wagte es nicht, mit den Füßen in die Brandung zu laufen. Es dämmerte bereits, als er noch immer am Strand saß und in die Ferne blickte. Golden tanzten die Strahlen der untergehenden Sonne auf den Wellenkämmen. Es kümmerte ihn nicht mehr, was hinter der Weite des Horizonts verborgen lag. Das Meer erschien ihm zu gefährlich, als dass er die Heimat verlassen und es bezwingen könnte.

 

Dialog in der Küche

November 27th, 2014

LN

Er stand vor dem Küchenfenster der kleinen Mietwohnung, welches er zum Lüften geöffnet hatte und schnitt die Avocado auf dem Küchenbrett in exakt gleich große Teile, bevor er sie in die Pfanne gab. Regungslos verharrte er für eine Weile vor der Scheibe, in den vor ihm liegenden Abgrund schauend, wobei er die Autokolonne beobachtete, deren einzelne Fahrzeuge wie kleine Käfer über die Straße krochen, die Insassen unter dem metallenen Panzer sicher vor seinem Blick verborgen. Wenn er doch nur die Zeit zurückdrehen und wie früher jeden Morgen ins Büro fahren könnte, dachte er. Er befreite sich jedoch schnell aus seinen abtrünnigen Gedanken, bevor es diesen gelingen konnte, ihn endgültig in eine mentale Krise zu ziehen. Als ihm bewusst wurde, wie fest er das Messer in seiner geschlossenen Faust umklammert hielt, erschrak er vor sich selbst. Seit er arbeitslos war, widmete er sich dem Kochen und Sauberhalten der Wohnung, ein wie er fand entwürdigender Ersatz für berufliche Tätigkeiten. Während sein Anzug im Schrank langsam den Geruch der Mottenkugeln annahm, trug er eine blau-weiß karierte Schürze, die er sich am liebsten bereits nach wenigen Sekunden vom Hals gerissen hätte. Tagein, tagaus hockte er in der Wohnung und studierte Stellenanzeigen, gefangen wie in einem Kaninchenkäfig. Das Gefühl, finanziell vollständig von ihr abhängig zu sein, behagte ihm nicht und innerlich sträubte er sich immer noch gegen diese Einsicht, doch mit der Zeit schien es, als hätte er sich allmählich daran gewöhnt und er hinterfragte sein schlechtes Gewissen nicht mehr.

Es klingelte. Schnell wusch er sich die Hände unter der Spüle, wischte sie eilig an der Schürze ab und ging zügigen Schrittes durch den Flur zur Tür. „Hallo Schatz“, er küsste sie auf beide Wangen und nahm ihr die prall gefüllten Einkaufstüten ab, um sie in die Wohnung zu tragen. Anfangs hatte sie ihn noch stets davon abgehalten, doch mittlerweile hatte sie sich schon daran gewöhnt. Er jedoch konnte nicht verhindern, dass eine verbitterte Resignation in ihm aufstieg, als er die Lebensmittel nach und nach im Kühlschrank platzierte. „Wie war dein Tag?“, drang ihre Stimme durch die angelehnte Küchentür zu ihm hinüber, wobei er erneut realisierte, wie sehr er es hasste, ihr auf diese banale Frage ehelichen Smalltalks überhaupt eine Antwort geben zu müssen. „Wie immer.“ Was erwartet sie denn? Ich putze das Klo, sauge den Teppich und schneide Gemüse in gleichgroße Teile, während du arbeiten gehst und deinen Kunden dabei hilfst, ihr Leben neu zu ordnen, obwohl das deines Mannes wie ein Trümmerhaufen vor dir liegt.

„Das Risotto schmeckt wirklich köstlich“, sagte sie auf ihren Teller schauend. Erstaunt sah er sie an. Das letzte Mal, dass sie seine Kochkünste gelobt hatte, gehörte bereits seit Langem der Vergangenheit an. Irgendetwas stimmte nicht mit ihr. Er merkte es an der Art und Weise, wie sie ihre Blicke nervös durch den Raum wandern ließ, ihn noch nicht einmal ansah, wenn sie mit ihm sprach. „Danke“, antwortete er kauend. Doch als sie endlich von ihrem Teller aufschaute und ihn direkt ansah, besaß ihr Blick eine solch dringliche Intensität, dass ihm wider Willen ein kurzer Schauer den Rücken hinunterlief. Sogar die Gabel hatte sie auf der Serviette niedergelegt. Es musste dringlich sein.

 Ruhig bleiben und Fassung bewahren, ermahnte sie sich, in der Hoffnung, es möge ihr gelingen die Fassade, welche seit geraumer Zeit wie eine Trennwand zwischen ihnen stand, weiterhin aufrecht zu erhalten. Das schlechte Gewissen übermannte sie, drohte sie jederzeit zu erdrücken und sie hielt es kaum aus, ihm noch länger in die Augen sehen zu müssen. Sein fragender, nichtsahnender Blick war die pure Folter. „Seit ein paar Wochen“, sie bemühte sich, die Worte über die Lippen zu bringen, „verspüre ich ein komisches Ziehen in der Magengegend. Vor wenigen Tagen musste ich mich morgens, als du noch geschlafen hast, sogar übergeben, woraufhin ich kurzerhand einen Vorsorgetermin beim Frauenarzt vereinbarte.“ Sie hielt seinem Blick stand, zwang sich, ihn anzusehen, während der letzte Satz des kurzen Monologs in der angespannten Stille zwischen ihnen verhallte: „Ich bin schwanger.“

Sprachlos starrte er sie an, bevor er den Blick abwandte. Schwanger, schwanger, schwanger, hallte das Wort in seinen Gedanken nach und er wartete darauf, dass das Echo allmählich verebbte, doch nichts dergleichen geschah. Stattdessen fixierte er die im spätsommerlichen Sonnenlicht silbern glänzende Klinge des Messers. Er hatte ihr nie gestanden, dass er zeugungsunfähig war.