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„Ich bin das Mädchen mit den zwei Gesichtern.“

Januar 29th, 2015

LN

Ich bin das Mädchen mit den zwei Gesichtern. Für Andere. Eigentlich sollte dieser Satz lauten: Für Andere bin ich das Mädchen mit den zwei Gesichtern. Dabei hab ich doch nur eins. Ich gehöre nie zu diesen, noch zu jenen. Weil dein Vater ein Nigger ist, sagen die einen. Weil deine Mutter eine Weiße ist, die andern. Zu weiß für die Schwarzen und zu schwarz für die Weißen.

Wir hatten einmal einen Hundewelpen. Er hieß Duffy. Duffy hatte weißes Fell mit braunen Flecken. Duffy war ein Mischling. So wie ich. Vielleicht haben uns deshalb so gut verstanden. Ich mochte Duffy. Ich glaube er mochte mich auch. Bis er von unserem Nachbarn erschossen wurde, weil er auf dessen Grundstück gelaufen war. Mum sagt, der alte Miller hatte sowieso einen Schaden. Der hat Dad auch immer beschimpft. Die anderen Leute haben ihn immer nur schräg von der Seite angesehen. Aber Mister Miller hat ihn beschimpft. „Negro, Negro.“, hat er ihm immer hinterhergebrüllt. Dad hat das stets ignoriert. Ich glaube er war gut darin, Dinge zu ignorieren. Einmal hat er „Redneck, Redneck.“, zurückgerufen. Ich erinnere mich noch gut an Mister Millers’ Blick. Er zog die Augenbrauen zusammen, was ihn immer wie einen wütenden Terrier aussehen ließ. Wir sind am Zaun vorbeigelaufen und Dad hat meine Hand genommen. Seine Hand war rau und warm, sein Griff sicher. Das ist neben seinem Lachen und seinem Gesicht das Einzige, was ich noch von ihm weiß. Vielleicht hätte Mr. Miller auf ihn geschossen, wäre ich nicht dabei gewesen. Kann ich nicht sagen.

Mum hat ein Foto von Dad an die Wohnzimmerwand gehangen. In einem braunen Holzrahmen mit goldener Umrandung, den sie auf dem Dachboden gefunden hat. Ich glaube, er hätte den Rahmen nicht gemocht, ihn kitschig gefunden. Vielleicht hätte er sich mit Mum sogar darüber gestritten. Gestritten hatten sie sich in der letzten Zeit oft. Sie dachten immer, ich kriegte es nicht mit, aber ich hab´s natürlich mitbekommen. Manchmal wurde Mum laut und schrie herum. Dann hat Dad geweint. Ziemlich leise und erst, wenn sie nicht mehr in der Küche war, aber in der Stille der Wohnung hab ich es trotzdem immer gehört. Ich wäre gern zu ihm in die Küche gegangen. Vielleicht hätte er mich auf den Schoß genommen und mir eine Geschichte erzählt. Von Drachen und Rittern oder so etwas. Er war stets ein großer Geschichtenerzähler. Doch ich hatte Angst, dass Mum hereinkäme und mich erwischen würde. Also bin ich in meinem Zimmer geblieben. Mum sagt, bald packen wir die Koffer und ziehen aus. Weg von hier. Eigentlich will ich das nicht. Sie sagt, es gäbe hier zu viel, das sie an ihn erinnern würde. Ich will erinnert werden.  Sie anscheinend nicht. Dabei hebt sie jeden seiner alten Briefe und seine Postkarten auf.

Mum verflucht die Polizei und schimpft auf die Nachbarn. Ich glaube, mittlerweile hat sie Angst vor ihnen. Dabei besteht unsere Nachbarschaft nicht nur aus Mister Millers. Freundlich sind die Leute dennoch nicht, das muss ich zugeben. Mrs. Granger, zum Beispiel, die immer über den Zaun schielt, als wolle sie uns ausspionieren. Oder Mr. Hendriks, der uns die Milchflaschen jeden Morgen wortlos vor die Tür stellt. Mum grüßt Mr. Kilney gar nicht mehr, wenn sie ihm auf der Straße begegnet. Dabei waren sie damals beide auf derselben High School. Hat er mir erzählt, als ich noch klein war. Ich glaube, ich war zu dem Zeitpunkt sechs Jahre alt. „Deine Mum war ein schönes Mädchen. Alle wollten immer mit ihr zum prom gehen.“, sagte er. So einen komischen Blick hatte er dabei. Als wäre sie heute nicht mehr schön.

Mum sagt, Dad hätte den Police officer vermutlich provoziert, aber das glaub ich nicht. Wieso grüßt sie Mr. Kilney dann nicht mehr auf der Straße, wenn er ihr „Hallo“ sagt? Vielleicht hat Dad nur „Rednecks, rednecks.“ gerufen und sie haben ihn deshalb erschossen.

Toleranz? – Ein aktueller Kommentar zu Charlie Hebdo und Pegida

Januar 29th, 2015

LN

Wir reden von Immigration, von Gleichstellung der Religionen, von Menschen mit Migrationshintergrund. Zugleich ziehen abends Pegida-Demonstranten durch die Straßen Dresdens und anderer deutscher Großstädte. Sie sprechen von der „Islamisierung des Abendlandes“, schwenken schwarz-rot-goldene Fahnen mit fremdenfeindlichen Parolen, wollen das Christentum verstärken, in einem Land, in dem die meisten Kirchenmitglieder höchstens an Weihnachten und Ostern den Gottesdienst besuchen, in dem die immer egoistischer werdende Gesellschaft nach Gewinn strebt, Wirtschaftswachstum und Besitzstandswahrung, während die wahren christlichen Werte wie das Gebot der Nächstenliebe immer mehr in den Hintergrund treten.

Historisch betrachtet ist Deutschland durchaus christlich geprägt, doch eine Religion sollte, auch wenn sie in einem Land historische Wurzeln besitzt, keinen Anspruch auf Exklusivität erheben und sich über Glaubenssymbole anderer Religionen in einer entwürdigenden Art und Weise lustig machen. Doch genau dies geschah leider bei Charlie Hebdo. Den Propheten Mohammed nackt dazustellen und den Koran als „Merde“ (Scheiße) zu bezeichnen, ist sowohl überzogen, als auch gerade wegen der Lage in Frankreich, in dem die meisten Migranten oftmals perspektivlos in den Vororten großer Städte wohnen und durchaus keine wahre Chancengleichheit besitzen, ein nicht angebrachter Spott gegenüber Andersgläubigen. Doch Meinungsfreiheit bleibt Meinungsfreiheit, auch wenn sie manchmal die Grenzen zwischen Kritik und der Diskriminierung Anderer leicht überschreiten kann. Selbstverständlich fühle ich mit den Opfern des Anschlags auf das Karikaturenmagazin. Aber ich bin nicht Charlie Hebdo!

Die weit verbreitete „Islamphobie“ , ein ähnlicher Aberglaube wie der Dschihadismus, macht sich leider auch in Deutschland bemerkbar. Wenn Pegida sich auf das Christentum bezieht, so ist dies keine wahre Religiosität, sondern lediglich ein peinlicher Ausdruck der Intoleranz gegenüber anderen Religionen und Kulturkreisen. „Die Muslime sind willkommen, aber der Islam gehört nicht zu Deutschland.“ ist nicht nur ein Widerspruch in sich, sondern auch mit Abstand einer der dümmlichsten Sätze, den die aktuelle Politik zutage befördert hat.

Will Deutschland wirklich als christlich geprägtes Land gelten, so müssen von der Bevölkerung auch christliche Werte vertreten werden. Dazu gehört insbesonders die Toleranz und Offenheit gegenüber Andersgläubigen, ohne sie gedanklich, den Vorurteilen entsprechend, gleich in die Kategorie der „potenziellen, terroristischen Gewalttäter“ einzuordnen. Niemals kann Religiosität lediglich einseitig in einer Gesellschaft vorhanden sein, es wird immer verschiedene Glaubensauffassungen geben, genauso wie es immer Menschen unterschiedlicher Herkunft geben wird. Zwischen christlichen Wurzeln und vorgelebtem Christentum sollte differenziert werden, denn eine Gesellschaft, in der Pegida-Demonstranten allabendlich die Straßen bevölkern und ein Europa, in dem Karikaturen öffentlich Muslime verhöhnen, Flüchtlinge zugleich massenweise vor der italienischen Küste ertrinken, können meines Erachtens nicht als christlich gelten.