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Fremd sein

Juni 7th, 2015

LN

Beinahe monatlich ertrinken Menschen vor Lampedusa. Europa verspricht Hilfe, doch die Rettungsaktionen bleiben weiterhin spärlich, „Frontex“ ähnelt mehr Grenzpatrouillen anstatt humanitärer Hilfe für Migranten in Seenot. Bürgerkriege, Gewalt, Armut. Die Gründe zur Flucht nehmen zu, die Zahl derer, die kommen, um vor dem Elend zu fliehen, wächst ebenso wie die Anzahl fremdenfeindlicher Taten und Übergriffe. Dominieren Vorurteile unser Denken?

Eine Kurzgeschichte aus gegebenem Anlass:

Wir saßen auf der Mauer in der Sonne, als der Fremde kam und sich mit zwei Metern Abstand zu uns setzte. Wir, das sind Bea, Ole, Sven, Paul und ich. Der Junge wandte den Kopf. Mit seinen braunen Augen sah er zu uns hinüber. Bis heute kann ich nicht sagen, ob in seinem Blick Ablehnung oder Neugierde lag, damals habe ich nicht darauf geachtet, mir erst nach seinem Verschwinden über sein Verhalten Gedanken gemacht. Jedenfalls sah er uns an. Eine Weile musterten wir einander, eine Art stummes Duell, bis ich als erste den Blick abwandte, er ebenfalls woanders hinsah, doch die Anderen starrten ihn weiterhin an, in ihren Augen das Missfallen darüber, dass er aufgetaucht war und sich auf die Mauer gesetzt hatte, ein stummer Vorwurf. „Was will der von uns?“, fragte Ole, wobei er den Jungen, der nun auf den Asphalt blickte, nicht aus den Augen ließ. „Na, was wohl“, antwortete Sven. „Geld natürlich.“ Er spuckte auf den Boden. „Wir haben aber kein Geld. Nichts. Keinen Euro, verstehst du?“ Er fixierte den Jungen, der nun wieder zu uns hinübersah. „Wir haben nichts für dich. Und jetzt verzieh dich.“ Sven wedelte mit der Hand, als ob er eine lästige Fliege verscheuchen wolle, doch der Fremde bewegte sich nicht, sah nur wieder in die andere Richtung und blieb sitzen. Entweder er hatte die Geste nicht verstanden, oder es kümmerte ihn nicht weiter, dass seine Anwesenheit unerwünscht war. Ich betrachtete ihn von der Seite. Er sah nett aus.  Hätte er nicht diesen zu langen Bart gehabt, wäre er ganz attraktiv gewesen. „Mein Bruder hat gesagt, die sollen gefährlich sein“, sagte Bea und zündete sich eine Zigarette an. „Haben zwei seiner Freunde neulich angepöbelt, weil sie ihnen nichts abkaufen wollten.“ „Lass uns mal eine Demo organisieren, dass die bald hier wegkommen“, schlug Sven vor. „Dafür ist es jetzt doch schon längst zu spät“, wandte Bea ein. „Sollen die das Flüchtlingsheim abreißen, nachdem sie es ein Jahr zuvor gebaut haben, oder was?“ Der Qualm ihrer Zigarette drang bis zu mir herüber. Ich rückte ein Stück von ihr ab. „Abreißen nicht. Nur die Leute in ein ärmeres Stadtviertel verlegen“, antwortete Sven. Verlegen. Als handele es sich um Material. Paul nickte zustimmend. Ich schwieg. Ole hielt sich ebenso aus der Diskussion heraus. Erneut drehte der Junge den Kopf. Diesmal lächelte er, als er mich ansah. Seine weißen Zähne strahlten und seine dunkle Haut glänzte im Sonnenlicht. Schnell wandte ich den Blick ab. Die Situation wurde mir mit jeder Sekunde unangenehmer. Nicht wegen seines Lächelns, sondern eher wegen dem Verhalten der Anderen.

„Und wenn er uns versteht?“, fragte ich unvermittelt und sah sie an. „Blödsinn, der versteht uns nicht“, beruhigte mich Sven. „Vermutlich kann er nicht mal drei Worte Deutsch sprechen“, stimmte Paul ihm zu. „Wie heißt du?“, fragte er den Jungen. Dieser schwieg, sah zur Seite und schenkte uns keine Beachtung mehr. „Siehst du“, stellte Paul mit Genugtuung fest. „Der versteht kein Wort.“ Er lachte. „Hat man denen nicht beigebracht da drüben. Da kommen die Leute hierher und können selbst nach Monaten noch nicht einmal unsere Sprache.“ Obwohl mir Pauls Tonfall nicht behagte, beruhigte ich mich ein wenig. Wahrscheinlich kam der Junge wirklich aus dem Flüchtlingsheim am Ende der Straße. Das Haus, über dessen Bau sich die meisten Anwohner monatelang aufgeregt hatten. Nun suchte er den Kontakt zu Gleichaltrigen. Vielleicht war es das erste Mal, dass er das Gebäude alleine verlassen und sich auf die Suche nach anderen Jugendlichen begeben hatte. Ich fragte mich, was er durchgemacht haben musste. War er zusammen mit seiner Familie oder alleine geflohen? Hatte er in einem Boot tausende von Meilen über das Mittelmeer zurückgelegt, bis er völlig entkräftet und halb verhungert an der Küste Italiens gestrandet und schließlich hier, in unserer Straße gelandet war?

„Sag doch auch mal was, Tine.“ Herausfordernd sah Sven mich an. Ich hatte ihrem Gespräch gar nicht mehr zugehört. „Oder hegst du bereits Sympathien für deinen kleinen Freund?“ Ich spürte, wie meine Wangen zu glühen begannen. Ich hasste es, wenn Sven mich zum Erröten brachte. „Was soll ich denn sagen?“, antwortete ich schulterzuckend. „Deine Meinung.“ Also sagte ich sie ihm: „Wer weiß, was diese Leute durchgemacht haben, wovor sie geflohen sind. Und dann kommt jemand wie du und verlangt, dass sie umgesiedelt werden, nur, weil sie deiner Ansicht nach nicht ins Stadtbild passen.“ Sprachlos starrte er mich an. Ich starrte zurück. Diesmal würde ich den Blick nicht abwenden, diesmal nicht. Ich würde gewinnen, ich würde…

Innerhalb weniger Sekunden wechselte sein Gesichtsausdruck von Erstaunen zu Belustigung. „Du bist noch zu jung und naiv, um das zu begreifen. Hast du irgendeine Ahnung was abläuft in Häusern wie diesem?“, fragte er mich und sah die Straße hinab. „Alles, was diese Leute tun, ist mit Drogen zu dealen und die Kriminalitätsrate zu erhöhen. Und wieso? Weil sie unzufrieden sind mit ihrem neuen Leben, weil sich ihre Hoffnung auf eine wunderbare Zukunft als Illusion herausgestellt hat.“

Jung und naiv. Seine Worte hatten mich verletzt, aber ich ließ es mir nicht anmerken. „Und Leute wie du tragen besonders zu einer Verbesserung ihrer Lage bei“, erwiderte ich. Er sah mich an. Am liebsten hätte ich ihm das Lächeln, das ich vor wenigen Monaten noch geliebt hatte, aus dem Gesicht geschlagen. „Du hast nicht die leiseste Ahnung, wovon du sprichst.“ „Klugscheißer. Du wolltest meine Meinung hören, jetzt musst du sie auch respektieren.“ Als Zeichen des Protests distanzierte ich mich so weit von ihnen, bis ich in der Mitte der Mauer saß. Der Junge lächelte mich an. Ich lächelte zurück. Stumm sahen wir einander in die Augen, bis er den Blick abwandte und zu Boden sah.                                                                                                                                                                                                                         „Wie heißt du?“, fragte ich ihn. Keine Antwort. „Ich bin Tina.“ Ich streckte ihm die Hand entgegen. Er ergriff sie, drückte sie kurz und lachte. Schon bei diesem Lachanfall hätte ich etwas ahnen können, doch ich dachte mir nichts dabei, vermutete, dass er diese Geste des Händeschüttelns einfach nur merkwürdig fand. Die anderen waren mittlerweile verstummt. Ich spürte ihre Blicke in meinem Rücken.

„Der versteht dich sowieso nicht“, sagte Sven, doch ich ging nicht auf seine Bemerkung ein und wiederholte langsam meinen Satz: „Ich bin Tina“, sagte ich erneut und zeigte mit dem Finger auf mich. „Wie heißt du?“ Der Junge lächelte, blieb aber still. ”I am Tina“, versuchte ich es auf Englisch. “What´s your name ?“ Keine Antwort. « Je m´appelle Tina. Tu t´appelles comment ? » Er schwieg. Lächelte nur, bis er erneut zu lachen begann.

Sven sprang von der Mauer herunter und näherte sich uns. Das Lachen des Jungen wurde lauter. Obwohl er mich dabei ansah, hatte ich nicht das Gefühl, dass er mich auslachte. Zögerlich stimmte ich in sein Lachen mit ein. Da lachte er noch mehr. Tränen traten ihm in die Augen. Sven hatte uns erreicht und baute sich vor uns auf. Obwohl wir auf der Mauer saßen, überragte er den Jungen und mich jeweils um Kopflänge. Wir sahen ihn an und lachten. Da wurde Sven aggressiv. Weder zu der Zeit, in der wir ein Paar gewesen waren, noch später, habe ich ihn jemals wieder so wütend erlebt. Er holte aus und schlug dem Jungen mit der Faust ins Gesicht, traf sein rechtes Auge.

Das Lachen war mit einem Mal ausgestorben. Die Schläfe des Jungen begann zu bluten, ein dunkler Fleck auf seiner Haut. Wie ein Straftäter riss er die Hände hoch. Ich sprang von der Mauer und stellte mich vor ihn. Sven ergriff meinen Arm und wollte mich fortreißen, doch ich trat ihm vor’s Schienbein. „Lauf!“, rief ich dem Jungen zu, doch er war bereits von der Mauer gesprungen und in einigen Metern Sicherheitsabstand vor uns stehen geblieben. Erneut wollte Sven auf ihn losgehen, doch ich hielt ihn zurück. „Er hat dir nichts getan.“ Einen Moment sah er auf mich herab. In seinen Augen funkelte Zorn. Ich starrte zurück, voller Anspannung den Schlag erwartend, der jedoch ausblieb. „Niemand lacht mich aus“, sagte er. „Niemand.“ Ich ergriff seine Hand. „Notfalls muss ich ihn küssen“, dachte ich. Allein der Gedanke widerte mich an. Ich sah zu dem Jungen hinüber. Er stand dort wie versteinert. „Lauf!“, formte ich mit den Lippen, doch er rührte sich nicht, starrte mich an, wartete, bis Sven sich ihm ebenfalls zugewandt hatte, bevor er zu sprechen begann. „Nirgendwo will man uns“, sagte er, sah mir ein letztes Mal, ohne zu lächeln in die Augen, drehte sich um und ging. Ich blickte ihm nach, bis er verschwunden war. Seitdem habe ich ihn nicht mehr gesehen.

 

 

Online, offline

Juni 7th, 2015

LN

Online, offline.

Meine Seele,                                                                                                                                                                                              die Nachtschwärmerin.

Diagnose meines Smartphones:                                                                                                                                                            permanente Reizüberflutung.

Nachgelesen unter: wikipedia.de

 

Die Vernetzten stehen                                                                                                                                                                        kabellos beisammen,                                                                                                                                                                                gemeinsam getrennt.

Stets erwartet Jemand                                                                                                                                                                              eine Antwort                                                                                                                                                                                                 von dir.

Jugendheim

Juni 7th, 2015

LN

Ikonen,

ausgestanzt an der Wand hängend.

Träume,

von verblassten Sammelbildern kopiert.

Dein Haupt nass vom Regen,

doch sie lächeln herab,

als sei jeder Morgen

Beginn einer neuen Existenz.