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Posts from the ‘Kurzgeschichten’ Category

Fremd sein

Juni 7th, 2015

LN

Beinahe monatlich ertrinken Menschen vor Lampedusa. Europa verspricht Hilfe, doch die Rettungsaktionen bleiben weiterhin spärlich, „Frontex“ ähnelt mehr Grenzpatrouillen anstatt humanitärer Hilfe für Migranten in Seenot. Bürgerkriege, Gewalt, Armut. Die Gründe zur Flucht nehmen zu, die Zahl derer, die kommen, um vor dem Elend zu fliehen, wächst ebenso wie die Anzahl fremdenfeindlicher Taten und Übergriffe. Dominieren Vorurteile unser Denken?

Eine Kurzgeschichte aus gegebenem Anlass:

Wir saßen auf der Mauer in der Sonne, als der Fremde kam und sich mit zwei Metern Abstand zu uns setzte. Wir, das sind Bea, Ole, Sven, Paul und ich. Der Junge wandte den Kopf. Mit seinen braunen Augen sah er zu uns hinüber. Bis heute kann ich nicht sagen, ob in seinem Blick Ablehnung oder Neugierde lag, damals habe ich nicht darauf geachtet, mir erst nach seinem Verschwinden über sein Verhalten Gedanken gemacht. Jedenfalls sah er uns an. Eine Weile musterten wir einander, eine Art stummes Duell, bis ich als erste den Blick abwandte, er ebenfalls woanders hinsah, doch die Anderen starrten ihn weiterhin an, in ihren Augen das Missfallen darüber, dass er aufgetaucht war und sich auf die Mauer gesetzt hatte, ein stummer Vorwurf. „Was will der von uns?“, fragte Ole, wobei er den Jungen, der nun auf den Asphalt blickte, nicht aus den Augen ließ. „Na, was wohl“, antwortete Sven. „Geld natürlich.“ Er spuckte auf den Boden. „Wir haben aber kein Geld. Nichts. Keinen Euro, verstehst du?“ Er fixierte den Jungen, der nun wieder zu uns hinübersah. „Wir haben nichts für dich. Und jetzt verzieh dich.“ Sven wedelte mit der Hand, als ob er eine lästige Fliege verscheuchen wolle, doch der Fremde bewegte sich nicht, sah nur wieder in die andere Richtung und blieb sitzen. Entweder er hatte die Geste nicht verstanden, oder es kümmerte ihn nicht weiter, dass seine Anwesenheit unerwünscht war. Ich betrachtete ihn von der Seite. Er sah nett aus.  Hätte er nicht diesen zu langen Bart gehabt, wäre er ganz attraktiv gewesen. „Mein Bruder hat gesagt, die sollen gefährlich sein“, sagte Bea und zündete sich eine Zigarette an. „Haben zwei seiner Freunde neulich angepöbelt, weil sie ihnen nichts abkaufen wollten.“ „Lass uns mal eine Demo organisieren, dass die bald hier wegkommen“, schlug Sven vor. „Dafür ist es jetzt doch schon längst zu spät“, wandte Bea ein. „Sollen die das Flüchtlingsheim abreißen, nachdem sie es ein Jahr zuvor gebaut haben, oder was?“ Der Qualm ihrer Zigarette drang bis zu mir herüber. Ich rückte ein Stück von ihr ab. „Abreißen nicht. Nur die Leute in ein ärmeres Stadtviertel verlegen“, antwortete Sven. Verlegen. Als handele es sich um Material. Paul nickte zustimmend. Ich schwieg. Ole hielt sich ebenso aus der Diskussion heraus. Erneut drehte der Junge den Kopf. Diesmal lächelte er, als er mich ansah. Seine weißen Zähne strahlten und seine dunkle Haut glänzte im Sonnenlicht. Schnell wandte ich den Blick ab. Die Situation wurde mir mit jeder Sekunde unangenehmer. Nicht wegen seines Lächelns, sondern eher wegen dem Verhalten der Anderen.

„Und wenn er uns versteht?“, fragte ich unvermittelt und sah sie an. „Blödsinn, der versteht uns nicht“, beruhigte mich Sven. „Vermutlich kann er nicht mal drei Worte Deutsch sprechen“, stimmte Paul ihm zu. „Wie heißt du?“, fragte er den Jungen. Dieser schwieg, sah zur Seite und schenkte uns keine Beachtung mehr. „Siehst du“, stellte Paul mit Genugtuung fest. „Der versteht kein Wort.“ Er lachte. „Hat man denen nicht beigebracht da drüben. Da kommen die Leute hierher und können selbst nach Monaten noch nicht einmal unsere Sprache.“ Obwohl mir Pauls Tonfall nicht behagte, beruhigte ich mich ein wenig. Wahrscheinlich kam der Junge wirklich aus dem Flüchtlingsheim am Ende der Straße. Das Haus, über dessen Bau sich die meisten Anwohner monatelang aufgeregt hatten. Nun suchte er den Kontakt zu Gleichaltrigen. Vielleicht war es das erste Mal, dass er das Gebäude alleine verlassen und sich auf die Suche nach anderen Jugendlichen begeben hatte. Ich fragte mich, was er durchgemacht haben musste. War er zusammen mit seiner Familie oder alleine geflohen? Hatte er in einem Boot tausende von Meilen über das Mittelmeer zurückgelegt, bis er völlig entkräftet und halb verhungert an der Küste Italiens gestrandet und schließlich hier, in unserer Straße gelandet war?

„Sag doch auch mal was, Tine.“ Herausfordernd sah Sven mich an. Ich hatte ihrem Gespräch gar nicht mehr zugehört. „Oder hegst du bereits Sympathien für deinen kleinen Freund?“ Ich spürte, wie meine Wangen zu glühen begannen. Ich hasste es, wenn Sven mich zum Erröten brachte. „Was soll ich denn sagen?“, antwortete ich schulterzuckend. „Deine Meinung.“ Also sagte ich sie ihm: „Wer weiß, was diese Leute durchgemacht haben, wovor sie geflohen sind. Und dann kommt jemand wie du und verlangt, dass sie umgesiedelt werden, nur, weil sie deiner Ansicht nach nicht ins Stadtbild passen.“ Sprachlos starrte er mich an. Ich starrte zurück. Diesmal würde ich den Blick nicht abwenden, diesmal nicht. Ich würde gewinnen, ich würde…

Innerhalb weniger Sekunden wechselte sein Gesichtsausdruck von Erstaunen zu Belustigung. „Du bist noch zu jung und naiv, um das zu begreifen. Hast du irgendeine Ahnung was abläuft in Häusern wie diesem?“, fragte er mich und sah die Straße hinab. „Alles, was diese Leute tun, ist mit Drogen zu dealen und die Kriminalitätsrate zu erhöhen. Und wieso? Weil sie unzufrieden sind mit ihrem neuen Leben, weil sich ihre Hoffnung auf eine wunderbare Zukunft als Illusion herausgestellt hat.“

Jung und naiv. Seine Worte hatten mich verletzt, aber ich ließ es mir nicht anmerken. „Und Leute wie du tragen besonders zu einer Verbesserung ihrer Lage bei“, erwiderte ich. Er sah mich an. Am liebsten hätte ich ihm das Lächeln, das ich vor wenigen Monaten noch geliebt hatte, aus dem Gesicht geschlagen. „Du hast nicht die leiseste Ahnung, wovon du sprichst.“ „Klugscheißer. Du wolltest meine Meinung hören, jetzt musst du sie auch respektieren.“ Als Zeichen des Protests distanzierte ich mich so weit von ihnen, bis ich in der Mitte der Mauer saß. Der Junge lächelte mich an. Ich lächelte zurück. Stumm sahen wir einander in die Augen, bis er den Blick abwandte und zu Boden sah.                                                                                                                                                                                                                         „Wie heißt du?“, fragte ich ihn. Keine Antwort. „Ich bin Tina.“ Ich streckte ihm die Hand entgegen. Er ergriff sie, drückte sie kurz und lachte. Schon bei diesem Lachanfall hätte ich etwas ahnen können, doch ich dachte mir nichts dabei, vermutete, dass er diese Geste des Händeschüttelns einfach nur merkwürdig fand. Die anderen waren mittlerweile verstummt. Ich spürte ihre Blicke in meinem Rücken.

„Der versteht dich sowieso nicht“, sagte Sven, doch ich ging nicht auf seine Bemerkung ein und wiederholte langsam meinen Satz: „Ich bin Tina“, sagte ich erneut und zeigte mit dem Finger auf mich. „Wie heißt du?“ Der Junge lächelte, blieb aber still. ”I am Tina“, versuchte ich es auf Englisch. “What´s your name ?“ Keine Antwort. « Je m´appelle Tina. Tu t´appelles comment ? » Er schwieg. Lächelte nur, bis er erneut zu lachen begann.

Sven sprang von der Mauer herunter und näherte sich uns. Das Lachen des Jungen wurde lauter. Obwohl er mich dabei ansah, hatte ich nicht das Gefühl, dass er mich auslachte. Zögerlich stimmte ich in sein Lachen mit ein. Da lachte er noch mehr. Tränen traten ihm in die Augen. Sven hatte uns erreicht und baute sich vor uns auf. Obwohl wir auf der Mauer saßen, überragte er den Jungen und mich jeweils um Kopflänge. Wir sahen ihn an und lachten. Da wurde Sven aggressiv. Weder zu der Zeit, in der wir ein Paar gewesen waren, noch später, habe ich ihn jemals wieder so wütend erlebt. Er holte aus und schlug dem Jungen mit der Faust ins Gesicht, traf sein rechtes Auge.

Das Lachen war mit einem Mal ausgestorben. Die Schläfe des Jungen begann zu bluten, ein dunkler Fleck auf seiner Haut. Wie ein Straftäter riss er die Hände hoch. Ich sprang von der Mauer und stellte mich vor ihn. Sven ergriff meinen Arm und wollte mich fortreißen, doch ich trat ihm vor’s Schienbein. „Lauf!“, rief ich dem Jungen zu, doch er war bereits von der Mauer gesprungen und in einigen Metern Sicherheitsabstand vor uns stehen geblieben. Erneut wollte Sven auf ihn losgehen, doch ich hielt ihn zurück. „Er hat dir nichts getan.“ Einen Moment sah er auf mich herab. In seinen Augen funkelte Zorn. Ich starrte zurück, voller Anspannung den Schlag erwartend, der jedoch ausblieb. „Niemand lacht mich aus“, sagte er. „Niemand.“ Ich ergriff seine Hand. „Notfalls muss ich ihn küssen“, dachte ich. Allein der Gedanke widerte mich an. Ich sah zu dem Jungen hinüber. Er stand dort wie versteinert. „Lauf!“, formte ich mit den Lippen, doch er rührte sich nicht, starrte mich an, wartete, bis Sven sich ihm ebenfalls zugewandt hatte, bevor er zu sprechen begann. „Nirgendwo will man uns“, sagte er, sah mir ein letztes Mal, ohne zu lächeln in die Augen, drehte sich um und ging. Ich blickte ihm nach, bis er verschwunden war. Seitdem habe ich ihn nicht mehr gesehen.

 

 

„Ich bin das Mädchen mit den zwei Gesichtern.“

Januar 29th, 2015

LN

Ich bin das Mädchen mit den zwei Gesichtern. Für Andere. Eigentlich sollte dieser Satz lauten: Für Andere bin ich das Mädchen mit den zwei Gesichtern. Dabei hab ich doch nur eins. Ich gehöre nie zu diesen, noch zu jenen. Weil dein Vater ein Nigger ist, sagen die einen. Weil deine Mutter eine Weiße ist, die andern. Zu weiß für die Schwarzen und zu schwarz für die Weißen.

Wir hatten einmal einen Hundewelpen. Er hieß Duffy. Duffy hatte weißes Fell mit braunen Flecken. Duffy war ein Mischling. So wie ich. Vielleicht haben uns deshalb so gut verstanden. Ich mochte Duffy. Ich glaube er mochte mich auch. Bis er von unserem Nachbarn erschossen wurde, weil er auf dessen Grundstück gelaufen war. Mum sagt, der alte Miller hatte sowieso einen Schaden. Der hat Dad auch immer beschimpft. Die anderen Leute haben ihn immer nur schräg von der Seite angesehen. Aber Mister Miller hat ihn beschimpft. „Negro, Negro.“, hat er ihm immer hinterhergebrüllt. Dad hat das stets ignoriert. Ich glaube er war gut darin, Dinge zu ignorieren. Einmal hat er „Redneck, Redneck.“, zurückgerufen. Ich erinnere mich noch gut an Mister Millers’ Blick. Er zog die Augenbrauen zusammen, was ihn immer wie einen wütenden Terrier aussehen ließ. Wir sind am Zaun vorbeigelaufen und Dad hat meine Hand genommen. Seine Hand war rau und warm, sein Griff sicher. Das ist neben seinem Lachen und seinem Gesicht das Einzige, was ich noch von ihm weiß. Vielleicht hätte Mr. Miller auf ihn geschossen, wäre ich nicht dabei gewesen. Kann ich nicht sagen.

Mum hat ein Foto von Dad an die Wohnzimmerwand gehangen. In einem braunen Holzrahmen mit goldener Umrandung, den sie auf dem Dachboden gefunden hat. Ich glaube, er hätte den Rahmen nicht gemocht, ihn kitschig gefunden. Vielleicht hätte er sich mit Mum sogar darüber gestritten. Gestritten hatten sie sich in der letzten Zeit oft. Sie dachten immer, ich kriegte es nicht mit, aber ich hab´s natürlich mitbekommen. Manchmal wurde Mum laut und schrie herum. Dann hat Dad geweint. Ziemlich leise und erst, wenn sie nicht mehr in der Küche war, aber in der Stille der Wohnung hab ich es trotzdem immer gehört. Ich wäre gern zu ihm in die Küche gegangen. Vielleicht hätte er mich auf den Schoß genommen und mir eine Geschichte erzählt. Von Drachen und Rittern oder so etwas. Er war stets ein großer Geschichtenerzähler. Doch ich hatte Angst, dass Mum hereinkäme und mich erwischen würde. Also bin ich in meinem Zimmer geblieben. Mum sagt, bald packen wir die Koffer und ziehen aus. Weg von hier. Eigentlich will ich das nicht. Sie sagt, es gäbe hier zu viel, das sie an ihn erinnern würde. Ich will erinnert werden.  Sie anscheinend nicht. Dabei hebt sie jeden seiner alten Briefe und seine Postkarten auf.

Mum verflucht die Polizei und schimpft auf die Nachbarn. Ich glaube, mittlerweile hat sie Angst vor ihnen. Dabei besteht unsere Nachbarschaft nicht nur aus Mister Millers. Freundlich sind die Leute dennoch nicht, das muss ich zugeben. Mrs. Granger, zum Beispiel, die immer über den Zaun schielt, als wolle sie uns ausspionieren. Oder Mr. Hendriks, der uns die Milchflaschen jeden Morgen wortlos vor die Tür stellt. Mum grüßt Mr. Kilney gar nicht mehr, wenn sie ihm auf der Straße begegnet. Dabei waren sie damals beide auf derselben High School. Hat er mir erzählt, als ich noch klein war. Ich glaube, ich war zu dem Zeitpunkt sechs Jahre alt. „Deine Mum war ein schönes Mädchen. Alle wollten immer mit ihr zum prom gehen.“, sagte er. So einen komischen Blick hatte er dabei. Als wäre sie heute nicht mehr schön.

Mum sagt, Dad hätte den Police officer vermutlich provoziert, aber das glaub ich nicht. Wieso grüßt sie Mr. Kilney dann nicht mehr auf der Straße, wenn er ihr „Hallo“ sagt? Vielleicht hat Dad nur „Rednecks, rednecks.“ gerufen und sie haben ihn deshalb erschossen.

Dialog in der Küche

November 27th, 2014

LN

Er stand vor dem Küchenfenster der kleinen Mietwohnung, welches er zum Lüften geöffnet hatte und schnitt die Avocado auf dem Küchenbrett in exakt gleich große Teile, bevor er sie in die Pfanne gab. Regungslos verharrte er für eine Weile vor der Scheibe, in den vor ihm liegenden Abgrund schauend, wobei er die Autokolonne beobachtete, deren einzelne Fahrzeuge wie kleine Käfer über die Straße krochen, die Insassen unter dem metallenen Panzer sicher vor seinem Blick verborgen. Wenn er doch nur die Zeit zurückdrehen und wie früher jeden Morgen ins Büro fahren könnte, dachte er. Er befreite sich jedoch schnell aus seinen abtrünnigen Gedanken, bevor es diesen gelingen konnte, ihn endgültig in eine mentale Krise zu ziehen. Als ihm bewusst wurde, wie fest er das Messer in seiner geschlossenen Faust umklammert hielt, erschrak er vor sich selbst. Seit er arbeitslos war, widmete er sich dem Kochen und Sauberhalten der Wohnung, ein wie er fand entwürdigender Ersatz für berufliche Tätigkeiten. Während sein Anzug im Schrank langsam den Geruch der Mottenkugeln annahm, trug er eine blau-weiß karierte Schürze, die er sich am liebsten bereits nach wenigen Sekunden vom Hals gerissen hätte. Tagein, tagaus hockte er in der Wohnung und studierte Stellenanzeigen, gefangen wie in einem Kaninchenkäfig. Das Gefühl, finanziell vollständig von ihr abhängig zu sein, behagte ihm nicht und innerlich sträubte er sich immer noch gegen diese Einsicht, doch mit der Zeit schien es, als hätte er sich allmählich daran gewöhnt und er hinterfragte sein schlechtes Gewissen nicht mehr.

Es klingelte. Schnell wusch er sich die Hände unter der Spüle, wischte sie eilig an der Schürze ab und ging zügigen Schrittes durch den Flur zur Tür. „Hallo Schatz“, er küsste sie auf beide Wangen und nahm ihr die prall gefüllten Einkaufstüten ab, um sie in die Wohnung zu tragen. Anfangs hatte sie ihn noch stets davon abgehalten, doch mittlerweile hatte sie sich schon daran gewöhnt. Er jedoch konnte nicht verhindern, dass eine verbitterte Resignation in ihm aufstieg, als er die Lebensmittel nach und nach im Kühlschrank platzierte. „Wie war dein Tag?“, drang ihre Stimme durch die angelehnte Küchentür zu ihm hinüber, wobei er erneut realisierte, wie sehr er es hasste, ihr auf diese banale Frage ehelichen Smalltalks überhaupt eine Antwort geben zu müssen. „Wie immer.“ Was erwartet sie denn? Ich putze das Klo, sauge den Teppich und schneide Gemüse in gleichgroße Teile, während du arbeiten gehst und deinen Kunden dabei hilfst, ihr Leben neu zu ordnen, obwohl das deines Mannes wie ein Trümmerhaufen vor dir liegt.

„Das Risotto schmeckt wirklich köstlich“, sagte sie auf ihren Teller schauend. Erstaunt sah er sie an. Das letzte Mal, dass sie seine Kochkünste gelobt hatte, gehörte bereits seit Langem der Vergangenheit an. Irgendetwas stimmte nicht mit ihr. Er merkte es an der Art und Weise, wie sie ihre Blicke nervös durch den Raum wandern ließ, ihn noch nicht einmal ansah, wenn sie mit ihm sprach. „Danke“, antwortete er kauend. Doch als sie endlich von ihrem Teller aufschaute und ihn direkt ansah, besaß ihr Blick eine solch dringliche Intensität, dass ihm wider Willen ein kurzer Schauer den Rücken hinunterlief. Sogar die Gabel hatte sie auf der Serviette niedergelegt. Es musste dringlich sein.

 Ruhig bleiben und Fassung bewahren, ermahnte sie sich, in der Hoffnung, es möge ihr gelingen die Fassade, welche seit geraumer Zeit wie eine Trennwand zwischen ihnen stand, weiterhin aufrecht zu erhalten. Das schlechte Gewissen übermannte sie, drohte sie jederzeit zu erdrücken und sie hielt es kaum aus, ihm noch länger in die Augen sehen zu müssen. Sein fragender, nichtsahnender Blick war die pure Folter. „Seit ein paar Wochen“, sie bemühte sich, die Worte über die Lippen zu bringen, „verspüre ich ein komisches Ziehen in der Magengegend. Vor wenigen Tagen musste ich mich morgens, als du noch geschlafen hast, sogar übergeben, woraufhin ich kurzerhand einen Vorsorgetermin beim Frauenarzt vereinbarte.“ Sie hielt seinem Blick stand, zwang sich, ihn anzusehen, während der letzte Satz des kurzen Monologs in der angespannten Stille zwischen ihnen verhallte: „Ich bin schwanger.“

Sprachlos starrte er sie an, bevor er den Blick abwandte. Schwanger, schwanger, schwanger, hallte das Wort in seinen Gedanken nach und er wartete darauf, dass das Echo allmählich verebbte, doch nichts dergleichen geschah. Stattdessen fixierte er die im spätsommerlichen Sonnenlicht silbern glänzende Klinge des Messers. Er hatte ihr nie gestanden, dass er zeugungsunfähig war.

 

 

Spinnenbeine

Juli 9th, 2014

LN

Wir verschlingen den Individualismus, doch verschlucken uns an der Eigenart.

 

Die Tür knarrte. Erschrocken erstarrte er in der Bewegung, die Hände am Reißverschluss seiner Jeans. Er hörte zwei Stimmen durch den Toilettenvorraum hallen, ihre sich nähernden Schritte. „Der ist echt merkwürdig. Hast du mal auf seine Beine geschaut? Wie zwei Stelzen.“ Die Stimme klang tief und ein wenig rau. Hörte sich ganz nach Nils an. „Er erinnert mich irgendwie an eine Spinne.“, antwortete ihm Mirko, dessen Stimme er sofort erkannte.

Kein Wunder, schließlich war Mirko der Einzige in der Klasse, der sich noch mitten im Stimmbruch befand. „An eine Spinne?“ Nils lachte. Mittlerweile waren sie der Tür zu seiner Kabine gefährlich nahe gekommen. „Weiß auch nicht wieso. Vielleicht wegen den enorm langen Beinen.“ Einen Moment herrschte Stille. Aus Angst entdeckt zu werden, rührte er sich keinen Millimeter von der Stelle. Fast gleichzeitig erklang das Geräusch zweier sich öffnender Reißverschlüsse, gefolgt von leisem Rauschen der beiden Fontänen, eines länger als das Andere. Nervös leckte er sich über die Lippen. Seine Zunge fühlte sich rau an. Eine ausgetrocknete Wüste inmitten seines Mundes. Er versuchte sich einzureden, dass er sich in Sicherheit befände, dass sie unmöglich über die Trennwände der Toilette zu ihm in die Kabine klettern konnten. „Verstehe echt nicht, wie man seinen Körper so abmagern lassen kann.“, sagte Nils. „Vielleicht findet er es schön.“, entgegnete Mirko. „Glaub ich nicht. Magersucht ist einfach nur ein Zwang. Genauso wie Esssucht.

Aber da kann ich Menschen, die wirklich fett sind noch eher verstehen, als welche, die sich bis auf die Rippen abmagern lassen.“ Er zuckte zusammen und ballte die Hände zu Fäusten, bis sich die Fingernägel in seine schweißnassen Handflächen gruben. Doch selbst dem Schmerz gelang es nicht, die Angst zu betäuben. Angespannt lauschte er dem Geräusch der sich schließenden Reißverschlüsse. Was für ein einfacher Mechanismus, dachte er. Einfach und trotzdem praktisch. „Glaubst du, er ist schwul?“, hörte er Mirko fragen. Erneut näherten sich Schritte seiner Tür. Um nicht schreien zu müssen, biss er sich auf die Zunge. Der metallene Geschmack des Blutes beruhigte ihn ein wenig. Ob sie ihn nun holen kämen? „Weiß nicht.“, antwortete Nils. „Vielleicht ist er asexuell.“ Seine Knie begannen zu zittern. Die Schritte verstummten abrupt. Anscheinend waren sie vor seiner Tür stehen geblieben. „Ich glaub, uns hat jemand belauscht.“, stellte Mirko fest. Kurze Stille, dann begann einer von ihnen an der Klinke zu rütteln. Die ganze Tür wackelte. Gleich brechen sie sie auf, dachte er und bekam Schweißausbrüche. „Ergebe dich und offenbare dein Angesicht, fremder Spion.“, schrie Nils und lachte. Ein Lachen, dass ihm durch Mark und Bein ging. Mittlerweile spürte er die Stellen nicht mehr, an welchen er die Finger ins Fleisch gegraben hatte. Seine Mutter würde, wenn sie am Abend seine Hände kontrollierte, wieder wegen neuer Narben schimpfen können. „Zeige dich, Fremdling!“, schrie Nils noch einmal, wobei er wie wild an der Tür rüttelte. Er schloss die Augen. In der Dunkelheit hinter seinen Lidern schwoll die Panik an, also öffnete er sie wieder. „Du hast echt zu viele Fantasyromane gelesen.“, lachte Mirko. Er könnte die Tür aufschließen, sich zeigen und schnell hinausrennen, dachte er, besaß jedoch keineswegs den Mut dazu. Als eine bessere Option erschien ihm die Aussicht, sich solange zu verbarrikadieren und abzuwarten, bis sie die Geduld verlören und die Belagerung aufgeben würden. Doch sie gingen nicht. Vermutlich hatten sie es sich zum Ziel gesetzt, solange die Tür zu bewachen, bis er hinauskam. Einer von ihnen begann zu pfeifen. Voller Hohn drang die fremde Melodie an seine Ohren. Er begann die Sekunden zu zählen, doch das langsame Vergehen der Zeit ließ ihn nur noch nervöser werden. Schwer wie Blei lag die Anspannung auf seinen Schultern. Er saß in der Falle. Mittlerweile spürte er den Schmerz in den Handflächen nicht mehr. Er versuchte, seinen Atem zu regulieren, die Luft wenige Sekunden anzuhalten, bevor er sie aus seinem Körper hinausströmen ließ und neuen Sauerstoff aufnahm. Konnten sie ihn atmen hören? Er hielt die Luft an, sammelte all seine Konzentration, um einen klaren Gedanken zu fassen. Natürlich, dachte er, und verfluchte die von der Angst hervorgerufene Gedankenblockade. Früher oder später würden sie unter der Tür nachschauen und seine Schuhe erkennen. Langsam drehte er sich um. Mittlerweile schaffte er es, die Bewegungen seines Körpers so zu koordinieren, dass er kaum ein Geräusch erzeugte. Er klappte den Klodeckel hinunter, stützte sich mit beiden Händen leicht auf dem Spülkasten ab und stieg mit dem rechten Bein zuerst auf die Toilette. Das Pfeifen seiner Bewacher wurde eingestellt. Ein, zwei Schritte schlurften über den Boden. Dann blieben die Füße direkt vor der Tür stehen. Jetzt, dachte er und starrte voller Angst an die Decke. Hoffentlich würde derjenige nur auf den Boden schauen und seinen Blick nicht das Wasserklosett  hinauf wandern lassen. Stille. „Und, siehst du was?“, hörte er Nils. „Nö. Hier ist niemand. Vielleicht hat sich jemand einen Scherz erlaubt, die Kabinentür abgeschlossen und ist dann über eine der Trennwände oder unter der Tür hinausgeklettert.“, antwortete Mirko. „Lass uns gehen. Unnütz, die Pause damit zu vergeuden. Hast du die Reichert noch mal wiedergetroffen?“ Stille. Vermutlich schüttelte Nils den Kopf oder er nickte. „Ziemlich scharfe Braut.“, stellte Mirko fest. „Hab gehört, die soll…“ Mit einem lauten Krachen schlug die Tür hinter ihnen zu. Erleichtert atmete er aus. Eine Weile verharrte er regungslos, starrte den Spruch an der Wand an, den er selbst vor einigen Monaten mit schwarzem Edding dort hinterlassen hatte: Sie verschlingen den Individualismus, doch verschlucken sich an der Eigenart. Darunter hatte jemand in rot „Alter, was willst du???“ gekritzelt.
Langsam erhob er sich. Seine Beine waren nun ebenso taub wie seine Handflächen. Er hatte sich zu lange in der Hocke befunden. Er hielt inne und lauschte, bevor er die Kabinentür aufschloss. Eines der Fenster in den Toilettenräumen war gekippt. Von draußen drangen Gelächter und Stimmen an sein Ohr, Geräusche aus einer anderen Welt. Während er zum Waschbecken ging, stellte er sich vor, seine Beine wären so leicht, dass man seine Schritte nicht mehr hören würde. Er sah nicht in den Spiegel, aus Angst vor der Erinnerung, die sich in seinem Gesicht abzeichnen könnte. Ein Überbleibsel in seinem Gedächtnis, welches selbst nach all den Monaten, seitdem er die alte Schule verlassen hatte, in Momenten wie diesen die Oberfläche durchbrach und präsent war wie nie zuvor. Er hatte ihr Vorhaben gekannt, noch bevor sie ihn dazu aufgefordert hatten. Widerstandslos hatte er der Klinge in seinem Rücken gehorcht, hatte sich niedergekniet und den Kopf in die Kloschüssel gesteckt.

Für einen Moment schloss er die Augen, flüchtete in die Dunkelheit hinter seinen Lidern. Das Gefühl, keine Luft zu bekommen, verschlimmerte sich. Seine Atmung setzte aus, er schnappte nach Sauerstoff wie ein Fisch an Land, stützte sich auf dem Rand des Waschbeckens ab und zählte die Sekunden. Luft anhalten. Eins, zwei. Ausatmen. Eins, zwei, drei. Einatmen. Zehn Vorgänge und er hatte die Kontrolle über seine Lunge wiedererlangt. Er wartete, bis er den Rhythmus seiner Atemzüge für stabilisiert hielt und schlug die Augen auf. Grell fiel das Neonlicht auf ihn herab. Sein Gesicht war fahl, er starrte sich entgegen. Das kalte Wasser brannte ein wenig auf seinen Handflächen, als er sich die Hände wusch. Lediglich die Rundungen seiner Fingernägel waren als sichtbare Kennzeichen auf seiner Haut hinterblieben. Er vergrub die Hände in den Hosentaschen, als er den Flur betrat. Sein Magen rumorte. Wie das Knurren eines Tieres, dachte er. Es war nicht das erste Mal, dass er zu spät zum Unterricht kam.

 

Lisa Neumann Q2